Es muss am Ende meiner Kindergartenzeit gewesen sein, als die Schwester eines Freundes einen C64 zu ihrer Kommunion bekam. Als wir dann im ersten Schuljahr waren, haben wir uns Nachmittags immer verabredet um bei Ihm an der Wundermaschine zu spielen. Anfangs durften wir nur zuschauen wie die Schwester und ihre Freunde spielten. Das war schon beeindruckend doch lange nicht befriedigend genug. Wir wollten selbst Hand an den Joystick legen und uns in die bunten Wunderwelten der frühen C64 Spiele entführen lassen. Eines Tages war es dann so weit. Die Schwester verlor das Interesse an dem Ding und uns waren Tor und Tür geöffnet. Wir haben sie alle gespielt, Winter Games, California Games, Burger Time, Teenage Mutant Ninja Turtles… doch ein Spiel haben wir immer ganz besonders geliebt und es ließ uns von Anfang an nicht mehr aus seinem Bann. Die Rede ist, wie könnte es an dieser Stelle anders sein, von The Great Giana Sisters.
Das Spiel wurde 1987 von der Spielschmiede Time Warp, welche zu dem Zeitpunkt kaum Bekanntheit erlangt hatte, entwickelt und von Rainbow Arts auf den Markt gebracht. Das Spiel an sich ist ein Jump ’n’ Run, welches ganz dreist vom Genre-Platzhirsch und erfolgreichstem Videospiel Super Mario Bros. abgeguckt worden ist. Man übernimmt alleine spielend als Giana oder zu zweit zusätzlich mit ihrer Schwester Maria die Rolle der titelgebenden Schwestern, läuft in typischer Manier von links nach rechts und meistert immer kniffligere Hüpfpassagen. Mario lässt also vornehmlich Grüßen. Da es für das C64 jedoch niemals ein Super Mario geben würde, brachte man das Spiel trotzdem auf den Markt (wahrscheinlich mit dem Gedanken keine direkte Konkurrenz zu Nintendo darzustellen). Das Game schlug von Beginn an ein wie eine Bombe und wurde für diverse Systeme portiert (u.a. Amiga 500 und Atari ST). Das kleine Softwareunternehmen Time Warp wurden europaweit bekannt und selbst in Übersee zeigte man reges Interesse an dem Titel. Nun war es nicht verwunderlich, dass auch Nintendo auf das Spiel aufmerksam wurde. Bei Big N sah man seine Markenrechte aufgrund der zu starken Ähnlichkeit der beiden Spiele verletzt und erwirkte gerichtlich, dass das Spiel fortan nicht mehr verkauft werden durfte. Alle sich noch im Handel befindlichen Titel mussten aus dem Verkehr gezogen werden. Aber ab diesen Zeitpunkt erlangte das Spiel, nicht zuletzt durch den Rechtsstreit mit Nintendo und dessen Verkaufsverbot, endgültigen Kultstatus. Die wenigen Exemplare der Amiga 500 Version wurden zu begehrten Sammlerstücken (allerdings nur die Originalware, der Raubkopien-Markt florierte damals wie eh und je, sodass, glaub ich, jeder dieses Spiel besaß).
Für meinen Kumpel und mich hatte das Spiel einen Hauch von Magie. Springend und schießend bekämpfte man Gegner wie Eulen, Killerbienen, Löwen, riesige Spinnen und sogar fliegende Saurier. Man mochte nicht eher aufhören, bis man es durchgespielt hatte. Tagelang kraxelten wir durch die immer schwieriger werdenden Levels. Und sogar heute noch finde ich die späteren Levels sehr fordernd und teilweise schwierig, da nicht selten nur pixelgenaues Springen gepaart mit perfektem Timing zum Erfolg führt. Ein weiteres besonderes Merkmal des Spiels war sein Soundtrack, welcher von niemand geringerem als dem C64-Musik-Guru Chris Hülsbeck komponiert wurde. Noch heute denke ich mit Wehmut daran, wie die Mutter meines Kumpels uns verzweifelt versucht hat an die frische Luft zu schicken, wir aber rotzfrech die Tür zum Zimmer abgeschlossen hatten. Ich hatte damals glaube ich meine erste Blase an den Händen aufgrund von verzweifelten Versuchen über die nächste Hürde in einem Computerspiel zu kommen. Ein unvergessener und bewegender Moment in meiner Computer- und Videospielkarriere.
Ein wahrer Blast From The Past!


